Nicht nur körperlich, auch psychisch wirkt das Coronavirus bei vielen Betroffenen nach. Symbolbild: Ermolaev Alexandr - stock.adobe.com
1/1 Nicht nur körperlich, auch psychisch wirkt das Coronavirus bei vielen Betroffenen nach. Symbolbild: Ermolaev Alexandr - stock.adobe.com
03.12.2020 08:00

Arznei im Blut, Angst in den Knochen

Ein Case-Manager über die psychischen Belastungen der Pandemie

Angst, Isolation, Druck: Menschen mit psychischen Problemen leiden besonders unter der Pandemie. Ein Case-Manager erzählt.

Region Jetzt liegen sie da. In zwei verschiedenen Betten auf der Intensivstation. Evelyn und Marc Gerber* halten sich an den Händen. Erwarten den Tod. Beide haben Corona und mehrere Vorerkrankungen. Sie spüren, dass es zu Ende geht mit ihnen. Noch schlimmer als der Husten und das Fieber ist aber ihre Angst.

Depressive Symptome haben sich verdreifacht

Was die Gerbers da fühlen, ist dieser Tage kein Einzelfall. Das geht aus einer schweizweiten Umfrage der Universität Basel hervor. Daran teilgenommen haben 10'000 Personen. Die Hälfte von ihnen gab an, sich während des Lockdowns im April gestresster als sonst gefühlt zu haben. Besonders ernüchternd: Schwere depressive Symptome sind dreimal häufiger aufgetreten. Luigi Trevisi spürt das jeden Tag. Er ist Pflegefachmann HF und Case-Manager am Untersee, im Thurgau und im Zürcher Wyland. Eine Art Spitex für Personen mit psychischen Krankheiten. Zu seiner «Klientel», wie er die Personen nennt, die er im Alltag begleitet, gehören auch die Gerbers. Beide haben eine Angststörung, die durch die Pandemie verschlimmert wurde. «Die Angst und Unsicherheit hat sich verstärkt, weil viele Psychiater nur noch telefonische Konsultationen anbieten. Mit einem Menschen über einen Bildschirm zu kommunizieren, ist nicht dasselbe, wie ihm in die Augen zu sehen.» Diese «gelebte Nähe», wie Trevisi sie nennt, fehle psychisch Kranken ganz besonders. Menschen wie die Gerbers fühlen sich laut dem 49-Jährigen «massiv im Stich gelassen und vereinsamt». Dem versucht Trevisi entgegenzuwirken. Mit Spaziergängen, Achtsamkeitstraining und Gesprächen. Für seine Klientel ist er sechs Tage in der Woche erreichbar. «Sie müssen nicht immer anrufen. Es reicht ihnen, zu wissen, dass jemand da ist», erzählt der Case-Manager.

Den Tod vor Augen gehabt

Da ist Trevisi auch für die Gerbers. Während sie auf der Intensivstation liegen, hält er Kontakt per SMS. Die Prognose der Ärzte ist schlecht, ob das Paar in den Fünfzigern Corona übersteht, nicht sicher. «Ich habe während dieser Zeit einfach versucht, sie zu beruhigen. Der Druck, der auf ihnen lastete, war immens», beschreibt der Pflegefachmann. Trotz des schweren Verlaufs und der Vorhersage der Ärzte: Die Gerbers schaffen es. Nach drei Wochen auf der Intensivstation kehren sie nach Hause zurück, gelten als «gesund». Aus Trevisis Sicht kann davon aber kaum die Rede sein. Denn nicht nur die körperlichen, auch die psychischen Folgen werden das Ehepaar noch lange begleiten: «Wenn ich diese Leute heute besuche, sehe ich ihnen an, dass sie den Tod vor Augen hatten. Wegen der Behandlung mit Cortison fühlt sich ihr Körper nicht mehr so an wie vorher. Das schürt ihre Angst zusätzlich.» Eine Angst, die die Gerbers lähmt. Die dafür sorgt, dass sie ihr Haus nicht mehr verlassen. «Es wird sicher einige Monate dauern, bis wir die Stabilität von vorher wieder erreichen», mutmasst Trevisi. Was psychiatrischen Patienten in einer solchen Situation hilft? Zeit, Hoffnung und Beistand. Das geben Trevisi und sein Therapiehund Adam.

Ein Sprachrohr sein

Für das Interview hat sich Trevisi gemeldet, um seinen Patienten eine Stimme zu geben. Der Thurgauer will sich nicht profilieren. Deshalb fehlt in diesem Artikel ein Foto von ihm. Wichtig ist dem Case-Manager, zu zeigen, wie viel Angst die Pandemie und die Medienberichterstattung im Zusammenhang mit Covid-19 machen können. «Für meine Klientel ist es schwierig, Zeitungsartikel zu filtern. Die Medien müssen ihre Verantwortung wahrnehmen und darauf achten, die Angst der Menschen nicht noch mit negativen Schlagzeilen zusätzlich zu schüren, sondern transparent und verständlich zu informieren.»

*Name von der Redaktion geändert

Janine Sennhauser