Haben stets ein offenes Ohr für die Kinder und Jugendlichen: Leiter Mathias Wegmüller (l.) mit seinem ARCHE-Team.           z.V.g.
1/1  Haben stets ein offenes Ohr für die Kinder und Jugendlichen: Leiter Mathias Wegmüller (l.) mit seinem ARCHE-Team.          z.V.g.
07.12.2020 08:42

Jedem Kind die gleiche Chance

Das Kinderprojekt ARCHE Kreuzlingen feiert sein 10-Jahr-Jubiläum

«Mein Wunsch wäre, dass es die ARCHE einmal nicht mehr braucht», sagt Mathias Wegmüller, der Leiter des Kinderprojekts im Interview. Denn das würde für ihn bedeuten, dass jedes Kind die gleichen Chancen auf eine gute Zukunft hat - unabhängig des Bildungsstandes und des Einkommens seiner Eltern.

Kreuzlingen Mathias, die ARCHE feiert ihren 10. Geburtstag. Was waren die Highlights in dieser Zeit?

Kreuzlingen Zu den Highlights gehört vor allem die Tatsache mitzuerleben, wie unsere Jugendlichen Schritte vorwärts machen. Wenn sie zum Beispiel eine Zusage für eine Lehrstelle erhalten oder sich in der Schule anstrengen, was sie vorher nicht getan haben. Highlights sind auch die neuen Projekte, die wir als Organisation starten konnten, wie die Eröffnung der Jugend-ARCHE oder des SprachCafes.

Gab es damals auch Probleme beim Aufbau der Arche?

Von Anfang an war es schwierig allen gerecht zu werden und alles unter einen Hut zu bringen. Du musstest genug Zeit für die Kinder haben und auch immer wieder herausfinden, was sie und ihre Familien brauchen. Und dann gab es die administrativen Arbeiten wie zum Beispiel das Spendensammeln.

Wie viele Kinder und Jugendliche habt ihr am Anfang betreut und wie viele sind es heute?

Am Anfang waren pro Tag ungefähr 10 bis 20 Jugendliche und Kinder bei uns. Dann wurden es im Laufe der Jahre immer mehr. Ohne dass wir gross Werbung gemacht haben. Heute kommen zwischen 50 bis 80 Kinder am Tag.

Mittlerweile wird die Arche von vielen Firmen, Institutionen und Privatleuten unterstützt.

Ja, wir sind glücklich, dass viele Firmen ein Bewusstsein haben für die Chancengleichheit. Das zeigt sich nicht nur an der finanziellen Unterstützung der ARCHE sondern auch, dass sie einem Jugendlichen die Chance bieten eine Ausbildung zu machen. Zudem konnten wir aufzuzeigen, dass wir das Geld effektiv einsetzen und es ist uns gelungen verschiedene Produkte wie Fahrzeugwerbung oder Weihnachtskarten zu platzieren. Wir freuen uns auch dass es immer wieder Firmen gibt, die mit uns Aktion planen. Das zu erleben ist immer wieder sehr eindrücklich.

Zwischen den Kinder und euch Mitarbeitenden herrscht ein freundschaftliches Verhältnis. Man spürt aber auch den Respekt zu euch. Seid Ihr Vorbilder?

Unser grösstes Gut ist die Beziehung, die die Kinder zu uns haben. Neben unserem professionellen Arbeiten, orientieren wir uns sehr stark an dem Vorbild einer Familie. Die Kinder sollen bei uns verlässliche Bezugspersonen erleben und stabile Beziehungen aufbauen können. In diesem Sinn sind wir sicher auch Vorbilder und sie finden bei uns offene Ohren für ihre Probleme.

Gibt es Erlebnisse in deiner täglichen Arbeit, die dich besonders berühren?

Es sind viele kleine Sachen, die uns berühren. Wenn wir miterleben dürfen, wie die Jugendlichen anfangen Verantwortung für andere zu übernehmen und zum Beispiel als Helfer in eines unserer Kinderlager mitkommen. Oder wenn sie in der Schule eine Stufe aufsteigen können. Diesen Sommer hat der erste ehemalige Jugendliche der ARCHE bei uns den Zivildienst absolviert, das war ein cooles Zeichen.

Was glaubst du wäre aus manchen Kindern oder Jugendlichen ohne die ARCHE geworden?

Zum Glück sind wir ja nicht die einzigen, die in Kinder investieren. Wir erleben tolle, motivierte Lehrkräfte und andere Organisationen. Daher ist es schwer zu sagen, was aus ihnen geworden wäre wenn wir nicht wären. Oft kommen die Jugendlichen irgendwann dankbar zurück und erzählen uns, dass sie es ohne uns nicht geschafft hätten. Ich glaube wir sind einfach ein Teil von einem grossen Puzzle. Manchmal sind wir ein grosses, manchmal ein kleineres Teil. Trotzdem würde es fehlen, wenn es nicht da ist.

War die ARCHE für manche die letzte Rettung vor dem Absturz?

Bei einem Teil der Kinder sicher. Wir konnten ihnen Stabilität und Sicherheit geben, wenn es zu Hause nicht gut gelaufen ist. Auf der anderen Seite versuchen wir die Kinder immer wieder zu ermutigen und ihre verborgenen Talente frei zu schaufeln. Sie erleben bei uns, dass wir an sie glauben und dass wir ihnen etwas zutrauen. Dass gibt ihnen Selbstvertrauen und Mut und auf dieser Basis machen sie Schritte in die Zukunft.

Hast du noch Kontakt mit einigen «ARCHE-Kindern» aus der Anfangszeit? Was ist aus ihnen geworden?

Die ersten Jugendlichen, welche die ARCHE besuchten, sind jetzt ungefähr 23 Jahre alt und stehen erfolgreich im Berufsleben. Sie haben ihre Zukunft angepackt und stehen mit beiden Füssen im Leben. Es ist schön, immer mal wieder von ihnen zu hören.

Wie erlebt ihr die Corona-Situation in der ARCHE. Und wie erlebt ihr Kinder, deren Eltern durch Corona den Job verloren haben?

Zum Glück ist im Moment ein nahezu normaler Betrieb mit gewissen Einschränkungen möglich. Sehr schwierig war die Situation im Lockdown. Da haben wir versucht den Familien helfend zur Seite zu stehen und haben regelmässig Pakete mit Spielen, Ideen für die Freizeitgestaltung und auch Lebensmittel vorbei gebracht. Aber natürlich ist die Situation gerade für Eltern, die bisher im Stundenlohn angestellt waren sehr schwierig. Unser Team hat einzelne Gespräche geführt, bei denen man die Angst vor der Zukunft greifbar spüren konnte. Da machen wir Mut die bestehenden Angebote zu nützen und leiten sie, wenn nötig, an die offiziellen Stellen weiter.

Gab es im Vergleich zu den letzten Jahren im Corona-Jahr weniger Spenden?

Das werden wir erst Ende Jahr genau sehen. Im Moment fehlen uns noch mehr als 120'000 Franken an Spenden. Das ist aber ungefähr im gleichen Rahmen wie in den letzten Jahren. Gerade in der ersten Welle haben wir aber auch eine sehr grosse Solidarität gespürt. Da standen fast täglich Personen mit Sachspenden vor unseren Türen.

Was sind deine Ziele oder Wünsche für die nächsten zehn Jahre?

Das mag komisch klingen, aber eigentlich wäre es ein Ziel, dass es die ARCHE irgendwann mal nicht mehr braucht. Das jedes Kind die gleichen Chancen auf eine gute Zukunft hat, unabhängig des Bildungsstandes und des Einkommens seiner Eltern. Obwohl viele Schritte in die richtige Richtung gehen sind wir aber noch ein gutes Stück davon entfernt. So lange es uns braucht, machen wir uns stark für die Kinder und ihre Familien.

Von Angelina Rabener

Kein Titel

10 Jahre ARCHE Kreuzlingen «Wir machen uns stark für Kreuzlinger Kinder!» Spendenkonto 85-42623-9 / IBAN: CH630900 000085042623 9