Drei Alterstufen, ein gemeinsames Ziel: die im Stein verborgene Form herauszuholen. Alle Bilder: Stefan Böker
1/7 Drei Alterstufen, ein gemeinsames Ziel: die im Stein verborgene Form herauszuholen. Alle Bilder: Stefan Böker
Spass beim Feilen.
2/7 Spass beim Feilen.
Konzentrierte Gruppe.
3/7 Konzentrierte Gruppe.
Der Staub muss ins Glas!
4/7 Der Staub muss ins Glas!
Bildhauerin Stepanka Strähl erklärt den Kindern, wie man eine Vorlage auf den Stein überträgt.
5/7 Bildhauerin Stepanka Strähl erklärt den Kindern, wie man eine Vorlage auf den Stein überträgt.
Eine Gipsvorlage in einem der Atelier. Diese aus einem Stein zu hauen, ist ein Jahresprojekt.
6/7 Eine Gipsvorlage in einem der Atelier. Diese aus einem Stein zu hauen, ist ein Jahresprojekt.
In der Werkstatt bearbeitet ein Lehrling Marmor.
7/7 In der Werkstatt bearbeitet ein Lehrling Marmor.
03.09.2021 09:43

«Weil schöne Sachen machen cool ist»

An den Kindernachmittagen in der Bildhauerschule in Müllheim dürfen sich schon die Kleinsten an edlen Steinen versuchen. Mit Eifer formen, feilen, schleifen und polieren sie ihr Material – und als Andenken dürfen sie nicht nur ihre kleinen Kunstwerke mit Nachhause nehmen, sondern zusätzlich ein ganz besonderes Pulver.

Müllheim «Ich mache ein Wohnmobil», sagt die fünfjährige Sophie stolz. Ihre beste Freundin Amalia hat im Stein ebenfalls ein Fahrzeug erkannt: Ein Laster soll daraus entstehen. Begeistert strecken die beiden ihre Werke der Lehrerin entgegen. «Da könnte noch eine Ecke weg», meint Stepanka Strähl, nachdem sie prüfend mit dem Finger über eine Kante gefahren ist. Mit grossen Augen blicken beide zu ihr auf. Dann wenden sie sich wieder ihren Steinen zu, die auf lederne, mit Sand gefüllte Kissen gebettet sind. Die Kinder feilen begeistert, bis sich der feine Staub des Specksteins auf diesen häuft.

Das Licht fällt weich durch die Turmfenster ins Atelier. In dem hohen Raum werden zu anderen Zeiten meterhohe Blöcke behauen. Die Skulpturen, die ihn verlassen, entstehen in mehreren Monaten oder sogar Jahren. Am Kindernachmittag geht die Steinhauerei komprimierter zur Sache. Aber nicht zwingend.

«Die Kinder sind ganz genau», lobt Stepanka Strähl, Bildhauerin und Schulleiterin. «Sie arbeiten mit denselben Werkzeugen wie die Profis. Mit demselben Material. Und denselben Standards.» Dazu gehört, die Steine nach dem Formen sorgfältig zu schleifen und später auf Hochglanz zu polieren. Kein Kratzer darf mehr zu sehen sein. Fabienne und Paulina nicken. Die beiden kennen sich aus der Schule und waren im selben Sommerlager. Während die eine an einer Schale werkelt, bearbeitet die andere ihren Stein mit Schleifpapier und Wasser. Es macht Spass, zusammen schöne Dinge zu erschaffen.

Die Bildhauerei verlangt ausserdem Sitzfleisch. Im Regal an der Wand steht eine Schlange. Ein Junge hat sie nach einer Vorlage geformt. Millimetergenau. Seit fast einem Jahr ist er zugange. Auch Leonie ist schon mehrere Nachmittage mit ihrer Plastik beschäftigt. Sie ist mit zwölf Jahren die Älteste im Kurs. Schnabel, Augen, Flügel sind in ihrem Stein zu erkennen. Sie kam durch ihre Grossmutter darauf, denn die ist Bildhauerin. «Sie hat ihre Ausbildung in Müllheim gemacht», verrät die Schülerin.

Dann ist Pause. Es gibt Kekse, Popcorn und Saft. Und Stepanka Strähl hat Zeit für einen kleinen Rundgang. Die private Fachschule in Müllheim wurde 1989 von ihrem Mann, Urs Strähl, gegründet. Steinbildhauerinnen und -bildhauer lernen hier ihr Handwerk in einer vierjährigen Grundausbildung. Sie werden zudem in Kunstgeschichte gebildet und wenn sie fertig sind, können sie ein Meisterjahr dranhängen. Die Schule sieht sich in der Tradition der klassischen Kunstakademie – und sie ist bekannt für ihre einzigartige Atmosphäre. Die Galerie mit wechselnden Ausstellungen, die verschiedenen Ateliers, mit denen das ursprüngliche Bauernhaus nach und nach erweitert wurde, der wunderschöne Garten mit majestätischer Platane und plätscherndem Marmorbrunnen, sind sicherlich eine Umgebung, die den Geist öffnet. «Zeitweise hatten wir 15 Personen in der Grundausbildung», erzählt Strähl, während in der grossen Werkstatt ein Lehrling an seinem Marmorblock meisselt, dass die Splitter nur so fliegen. Man kann hier ausserdem (berufsbegleitende) Weiterbildungen absolvieren, zudem Kurse an Abenden, Wochenenden oder ganzen Wochen. Und in der «Künstlercantina» kann man die staubige Arbeit am Stein sogar mit einem guten Essen und einem trockenen Wein verbinden.

Ein Beweis und ein Andenken

So wie es die Kinder vormachen. Im Kleinen halt. Gestärkt begeben sich die Fünf wieder ins Turmatelier. Und fegen dort erst einmal den Staub von ihren Kissen. Nicht auf den Boden etwa. Das begehrte Abfallprodukt landet fein säuberlich in Einmachgläsern, die schon mit Namen beschriftet sind, und danach fest verschraubt werden. Ein Mitbringsel, das sich sehen lassen kann. Und das jeden, der mit dem Finger hineinfährt, daran erinnert, wie unglaublich weich harter Stein doch sein kann. Wenn man ihn fleissig bearbeitet.

Von Stefan Böker