Das Lido in Steckborn leidet wie viele andere Restaurants unter den Massnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus. z.V.g.
1/2 Das Lido in Steckborn leidet wie viele andere Restaurants unter den Massnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus. z.V.g.
Diesen Brief hat Stefan Stäheli an den Bundesrat geschickt. z.V.g.
2/2 Diesen Brief hat Stefan Stäheli an den Bundesrat geschickt. z.V.g.
14.01.2021 09:00

«Wir jammern nicht, es geht uns um Fairness!»

Steckborner Beizer wendet sich mit gepfeffertem Brief an den Bundesrat

Vielen kleineren Betrieben steht das Wasser bis zum Hals. Das Problem: Nicht alle bekommen Unterstützung vom Bund. Ein betroffener Wirt erzählt.

Steckborn Er kann sich über Wasser halten. Noch. Aber: «Einen dritten Lockdown würden auch wir nicht überleben», sagt Stefan Stäheli. Seit 16 Jahren führt er zusammen mit seinem Partner Narong Pounkham das Lido am Untersee. Stäheli ist ein alter Hase in der Branche, hat er doch bereits seine «Stifti» im Gastgewerbe absolviert. Vor wenigen Tagen postete der 51-Jährige einen Brief auf Social Media, um gemäss eigener Aussage «unseren Verband Gastrosuisse zu unterstützen und auf unsere Branche aufmerksam zu machen». Weil Restaurants, Cafés und Bars seit vergangenem Dezember wieder schliessen mussten, wird es vor allem für kleinere Betriebe finanziell gesehen eng. Entschädigung bekommen lediglich diejenigen, die drei Festangestellte mit einem hundert Prozent Pensum beschäftigen. Für Stäheli unbegreiflich, wie er in seinem offensiven Brief schreibt. «Weil wir seit fast zwanzig Jahren selber in unserem Betrieb zusammen mit drei Aushilfen arbeiten, bekommen wir keine Hilfe.» Das Schreiben mit dem Titel «Eine Schande», welches die Wut des Beizers erahnen lässt, hat vor allem im Netz für zahlreiche Reaktionen gesorgt. Allein auf Facebook wurde Stähelis Beitrag achthundert Mal geteilt und in über sechzig Kommentaren drücken Userinnen und User ihr Mitgefühl aus. Doch in einigen Antworten wird dem Restaurantbesitzer auch das Jammern unterstellt. Darauf hat Stäheli nur eine Antwort: «Wir jammern nicht, es geht ums System, Prinzip und um Fairness. Wenn wir schon nicht arbeiten dürfen, wollen wir wenigstens eine Entschädigung vom Bund.»

Das Ersparte muss herhalten

Damit der 51-Jährige seine Rechnungen trotz Berufsverbot bezahlen kann, muss er auf seine Ersparnisse zurückgreifen. Dennoch ist seine finanzielle Situation alles andere als rosig. «Wir reden von über 20'000 Franken an Rechnungen, die bezahlt werden müssen», so Stäheli. Dazu gehören alle Versicherungen, Löhne für die Aushilfen, Lieferantenrechnungen und andere Fixkosten. Der erlaubte Take-away vermag das Loch in der Kasse nicht zu stopfen. «Es gibt gute Tage, aber auch 'Nullnummern'», so der Wirt. Ob Stähelis gepfefferter Brief etwas an der Situation ändern wird, bleibt fraglich, wie er schon selber in seinem Pamphlet festhält: «Danke fürs Zuhören, aber es interessiert eh niemanden. Die ganzen Briefe landen im Papierkorb.»

«Es würde mir das Herz brechen»

Unterstützung bekommt das Lido nicht nur auf Facebook, auch die Stammkunden bleiben dem Lokal treu. «Wir bekommen hin und wieder einen Zustupf, damit wir unser Überleben sichern können.» Dafür ist Stäheli sehr dankbar. Um die fehlenden Einnahmen zu tilgen, reicht jedoch auch das nicht aus. Aus diesem Grund verlangt Stäheli nun eine Reaktion von Bund und Kanton: «Stoppt die 60%-Hürde und unterstützt auch Betriebe, die keine drei Festangestellten haben.» Sollte das nicht passieren, sieht Stefan Stäheli schwarz für sein Lido. « Es würde mir mein Herz brechen, wenn ich meine Beiz verkaufen müsste. Wir Gastgeber und unsere Gäste, Freunde und Bekannten, gehören doch zusammen.»

Janine Sennhauser